Gymnasium Kirn

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Das "Kirner Modell"

Die Begabtenförderung – Das Kirner Modell

Im Rahmen der Weiterentwicklung der Schule hat sich auch das Kollegium des Gymnasium Kirn schon früh eingehend mit der Frage beschäftigt: „Wie können wir leistungsfähige und –bereite Schülerinnen und Schüler, bzw. auch solche mit besonderen Begabungen besser fördern?“ Das vom Land Rheinland-Pfalz entwickelte Programm BEGYS erwies sich aus unterschiedlichen Gründen (Schulstruktur, Problematik der Elitebildung an einem Gymnasium im ländlichen Raum) als an unserer Schule nicht praktikabel.

Wir bieten stattdessen ein Modell an, bei dem begabte Jugendliche besonders gefördert werden und u.U. nach dem ersten Halbjahr der Klasse 9 ins zweite Halbjahr der 10. Klasse springen können.

Potentielle Teilnehmer am ‚Kirner Modell’ werden zunächst in den Pädagogischen Konferenzen der Jahrgangsstufe 8 (2. Halbjahr) sondiert. Bei der Auswahl der Schülerinnen und Schüler steht der Gedanke der zusätzlichen Förderung in einzelnen Bereichen im Vordergrund der Überlegungen, der des Überspringens ist eher zweitrangig. Im Vorfeld der in den Zeugniskonferenzen der Klasse 8 endgültig anstehenden Entscheidung über eine Empfehlung werden Aspekte der folgenden ‚Checkliste’ berücksichtigt:

 
Woran erkenne ich besondere Begabungen/besondere Leistungsfähigkeit?
  • besondere Leistung
  • Entwicklung eigener, kreativer Lösungsstrategien
  • hohe Kompetenz
  • hohe Merkfähigkeit
  • hohes Leistungspotential
  • komplexes Denken
  • kritisches Denken
  • neugierig auf die Welt
  • Querdenker
  • schnelles Erfassen von Sachverhalten
  • Transferleistung
  • (aus: PRAXIS SCHULE 5-10; Heft 1/2004)

Nach der Entscheidung über die Zulassung zum Modell werden die vorgeschlagenen Schülerinnen und Schüler und auch ihre Eltern direkt am Anfang der 9. Klasse in einem Informationsabend noch einmal genauer über die Ausgestaltung des Programms informiert. Die Einbeziehung ehemaliger Teilnehmer hat sich hier als äußerst fruchtbar erwiesen.

Zusammen mit ihren Eltern entscheiden die Schülerinnen und Schüler über die Teilnahme am Modell. Sie erhalten dann in ausgewählten Fächern/Bereichen (Mathematik, Naturwissenschaften, Sprachen) zusätzlichen Unterricht am Nachmittag. In diesen zusätzlichen Stunden werden in der Kleingruppe zunächst Fachinhalte und -methoden vermittelt, die über verpflichtenden Inhalte der jeweiligen Lehrpläne hinausgehen.

In den pädagogischen Konferenzen 9/1 werden Leistungen und persönliche Entwicklung der Schülerinnen und Schüler erneut diskutiert. Die Entscheidung über das mögliche ‚Springen’ fällt die Klassenkonferenz Anfang Januar. Danach erhalten die interessierten Kandidatinnen und Kandidaten die Gelegenheit, eine Schnupper’woche’ in der potentiellen neuen Klasse zu absolvieren. In der jeweiligen Zeugniskonferenz wird dann letztendlich entschieden.

Im Falle des Überspringens werden im Zusatzunterricht nun natürlich vorrangig fachliche Lücken aufgefangen. Dies gelingt jeweils problemlos, da die ‚Springer’ Lücken auch mit großem persönlichem Engagement  selbstständig nacharbeiten.

In den vergangenen Schuljahren wurde dieses an unserer Schule angebotene schulspezifische Modell der Begabtenförderung von etlichen der vorgeschlagenen Schülerinnen und Schülern wahrgenommen und wird von Kollegen, Eltern und Schülern sehr  positiv beurteilt.

Das eigens an die Gegebenheiten vor Ort angepasste Modell wurde auch auf höherer Ebene positiv bewertet. Im Rahmen des landesweit vom MBFJ für alle Schulen ausgeschriebenen Wettbewerbs „Qualität schulische Arbeit – Weiterentwicklung der Förderkultur“ wurde das Gymnasium Kirn als einziges Gymnasium in Rheinland-Pfalz prämiert. Als Grundlage für die positive Bewertung dienten eine schriftliche Bewerbung von Seiten der Schule und Schulbesuche seitens der Wettbewerbskommission. Im Rahmen dieser Besuche wurden getrennte Gespräche sowohl mit beteiligten Schülern, den betreuenden Kollegen als auch der Schulleitung geführt. (Laudatio s. unten)

Im laufenden Schuljahr nehmen 8 Jugendliche am Kirner Modell teil. Frau Rohde (Naturwissenschaften), Frau Wendling (Englisch) und Herr Hesse (Mathematik) bieten für sie, aber auch für weitere interessierte Jugendliche Zusatzunterricht in den genannten Fächern an. Einzelne Schülerinnen und Schüler werden im Rahmen der Sprachförderung auf die DELF-Sprachprüfung (Niveau B1) vorbereitet.

Auch in der Oberstufe richten wir den Blick auf die individuelle Förderung und sind bemüht, unseren Schülerinnen und Schüler besondere Fördermaßnahmen (hier vor allem außerhalb der Schule) anzutragen. So nahmen in den letzten Jahren ehemalige ‚Kimos’ an etlichen Wettbewerben teil oder besuchten die Modellierungswoche der Technischen Universität Kaiserslautern; ein Kandidat absolvierte sogar ‚nebenbei’, d.h. während seiner Schulzeit, äußerst erfolgreich ein Juniorsstudium an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken.

Mittlerweile haben die ersten der ‚Springer’-Jahrgänge ihre Abiturprüfungen mit sehr guten Erfolgen abgelegt. Nach Abschluss ihrer Schulzeit am Gymnasium Kirn bezogen sie in einem Fragebogen Stellung zum Modell: Die Schülerinnen und Schüler beurteilen auch nach Abschluss ihrer Schulzeit ihren Entschluss in die nächst höhere Klassenstufe zu springen als positiv. Besonders hervorgehoben wurden die das Überspringen begleitenden Maßnahmen, die sowohl die fachliche Förderung als auch die soziale Integration in den neuen Klassenverband betrafen.

Nach den bisherigen Erfahrungen sind wir überzeugt, mit dem „Kirner Modell“ ein schulorganisatorisch praktikables, unabhängig von der Entwicklung der Schülerzahlen funktionierendes, schülerorientiertes, flexibles und kostengünstiges Förderangebot vorweisen zu können, das leistungsfähige und -bereite Schülerinnen und Schüler gezielt fördert und durch die intensive pädagogische Begleitung sowie die Organisationsform als Kleingruppe häufiger zum Überspringen einer Klassenstufe ermutigt.


Barbara Wendling, OStD’

 

zum [Fragebogen] der ehemaligen KIMO-Teilnehmer

 
1. Preis im Landeswettbewerb "Qualität schulischer Arbeit“ 2003/2004"

Laudatio zu „KiMo“ des Gymnasiums Kirn

Weiterentwicklung der Förderkultur ist die Ausschreibung des Qualitätswettbewerbes des Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend aus dem Jahre 2003 betitelt, dessen Preisträger am 5. Oktober ausgezeichnet werden. Durch diese Ausschreibung soll nicht unbedingt ein Defizit-Empfinden hinsichtlich der Förderkultur ausgedrückt werden, sondern sie ist als Aufforderung zu verstehen: „Das Bessere ist der Feind des Guten.“

Fördern bedeutet neben der selbstverständlichen, besonderen Unterstützung leistungsschwacher Schüler auch, den Begabten die ihnen gemäße Förderung zukommen zu lassen. Ein Konzept hierzu ist in Rheinland-Pfalz BEGYS. Aber BEGYS erfordert eine gewisse Schulgröße bzw. ein Umfeld an abgebenden Schulen. BEGYS kann also nicht überall realisiert werden. Hier setzt das „Kirner Modell“ (KiMo) an: eine Chance für Schüler, sich behutsam an steigenden Anforderungen zu versuchen, dabei das Bewährte, Vertraute nicht sofort verlassen zu müssen und gleichzeitig die eigenen Leistungen anderen zugute kommen lassen zu können. Ähnlich wird im aktuellen Elternbrief des Gymnasiums Kirn die Aufgabe der Schule beschrieben: das Kirner Modell der Förderung als Teil eines Ganzen.

Auf das „Kirner Modell“ passt m.E. der oft strapazierte Begriff der Innovation. Innovation bedeutet Prozess- und/oder Produktfortentwicklung. Innovation ist nicht nur „die“ bisher noch nicht dagewesene Idee, sondern wesentlich häufiger die geschickte und neue Kombination vorhandener Ideen, Konzepte, Ressourcen zu etwas Neuartigem, zu etwas Vorteilhaften

In erster Linie wollen wir im "Kirner Modell" aber allen besonders begabten Jugendlichen aus Klasse 9, auch denjenigen, die nicht überspringen wollen, Zusatzunterricht anbieten, der als Additum zum gewöhnlichen Lehrstoff zu verstehen ist. Ein Aussteigen aus dem Förderprogramm ist jederzeit möglich.

Das Förderkonzept des Gymnasiums Kirn ist keine Revolution schulischer Arbeit, aber es bietet die Möglichkeit der in der heutigen Gesellschaft geforderten Leistungsdifferenzierung, ohne dabei Ausgrenzung zu fördern oder in den Verdacht zu kommen, den Elitebegriff negativ zu belegen. Das Modell ist flexibel, einfach und klar strukturiert. Daher könnte es das Potenzial haben, auch auf andere Schulen in größerer Zahl übertragbar zu sein.

Dabei muss es nicht auf das Gymnasium beschränkt bleiben. Das Modell des Gymnasiums Kirn hat den Charme, quasi Ideen aus dem Bereich der Integration mit dem der Eliteförderung zu verbinden. Dabei geht es nicht nur um die Bewertung und Förderung fachlicher Leistungen, sondern auch um Sozialverhalten und Motivation. Damit scheint dieses Modell auch dazu beigetragen zu haben, die Gemeinschaft an der Schule zu fördern und im Kollegium für ein Miteinander zugunsten der Schüler zu sorgen. Geförderte empfinden die eigene Förderung oft dann als gelungen, wenn sie die eigenen Kompetenz einsetzten können, anderen zu helfen. Wenn als Ergebnis von Begabtenförderung ein solidarisches Miteinander Stärkerer und Schwächerer entsteht, ist das Ziel erreicht. Dies scheint in Kirn in vorbildlicher Weise gelungen. „KiMo“ wird daher zu Recht als „good practice“ der Weiterentwicklung der Förderkultur ausgezeichnet.

Stefan Gustav (HwK Koblenz)