Gymnasium Kirn

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Rede des Schulleiters zur Abiturfeier 2006

Liebe Abiturienten und Abiturientinnen!

Zur letzten Vollversammlung eures Jahrgangs, auch Abiturfeier genannt, begrüße ich euch ganz herzlich. Erinnert Ihr euch noch an euren ersten Schultag im Spätsommer des Jahres 1993?  

Da sitzt ihr nun, alphabetisch oder nach der Größe sortiert, zum erstenmal auf diesen harten Bänken, und ... erinnert mich an zum Dörren aufgefädelte Steinpilze. Statt an Glückspilze, wie sich`s eigentlich gehörte. ... Manche von euch rutschen unruhig hin und her, als säßen sie auf Herdplatten. Andere hocken wie angeleimt auf ihren Plätzen. Einige kichern blöde. ... Euch ist bänglich zumute... . Eure Stunde X hat geschlagen. Die Familie gibt euch zögernd her und weiht euch dem Staate. Das Leben nach der Uhr beginnt ... . Das aus Ziffern und Paragraphen, Rangordnung und Stundenplan eng und enger spinnende Netz umgarnt nun auch euch. Seit ihr hier sitzt, gehört ihr zu einer bestimmten Klasse. Noch dazu zur untersten. Der Klassenkampf und die Jahre der Prüfungen stehen bevor. Früchtchen seid ihr, und Spalierobst müsst ihr werden! Aufgeweckt wart ihr bis heute, und einwecken wird man euch ab morgen! So, wie man`s mit uns getan hat. Vom Baum des Lebens in die Konservenfabrik der Zivilisation? Das ist der Weg der vor euch liegt. ...“

So Erich Kästner in einer Ansprache zu Schulbeginn 1953 vor Erstklässlern.  Habt ihr die im Schnitt 12 Schuljahre wirklich als so erdrückend und versklavend erlebt? Habt ihr Schule wie frühere Generationen als eine zur Bewährung ausgesetzte Vorstrafe auf das spätere Leben ertragen müssen (R. Karl)? Haben wir euch so an der Kandare gehalten, euch so ge-pisa-ckt? Sitzen jetzt 30 junge Frauen und 21 junge Männer Spalierobst“ vor mir, endlich und endgültig eingelagert in der Konservenfabrik der Zivilisation“? War das Leben nach der Uhr und dem Stundenplan wirklich ein einengendes Spinnennetz oder gar Gedankengefängnis“- oder nicht vielleicht doch auch ein Sicherheit, Berechenbarkeit und Verlässlichkeit verleihender Rhythmus, den ihr nun, nach Verlassen unseres Gymnasiums, zunächst einmal sogar vermissen werdet?

Gewiss: Nicht immer und schon gar nicht nach durchzechten MSS- und Jahrgangsstufenpartys oder in den trüben Spätherbst- und dunklen Wintermorgen - und manch einer hat - da genügt der Blick in die Hitparade der Fehlstunden -, sich mehr oder weniger erfolgreich dem Diktat der Stundentafel zu entziehen versucht. Und Sie, verehrte Eltern, die Sie sich nun mit Fug und Recht über den Erfolg Ihrer Kinder freuen dürfen, haben Sie damals Ihren Sohn, Ihre Tochter nur zögernd der Obhut der staatlichen Schule überantwortet? - In Ihrer Erinnerung ist es wohl - anders als bei Ihren Kindern -, als sei es gestern erst gewesen, der Tag der ersten Einschulung, als sich Ihr Kind, voller Stolz die Schultüte tragend und den neuen Ranzen geschultert, dem Erinnerungsphoto präsentierte. Waren Sie nicht sogar trotz aller Ungewissheit, ob das denn gut gehen werde, froh, dass endlich die Zeit des schulischen Lernens beginnt?  Die vier Jahre Grundschule waren für die meisten von euch wohl eher locker-angenehm, schließlich waren da die damals vertrauten Spielkameraden aus dem Kindergarten, die Schule war in der Nähe, überschaubar die Zahl der Lehrerinnen und Schüler, ihr hattet nur eine, höchstens zwei Lehrerinnen und mit Rechnen, Deutsch und Sachkunde nur wenige Fächer. Obendrein kann ich unterstellen, dass der von Erich Kästner prophezeite Klassenkampf für euch kaum ein Thema war, schließlich gehörtet ihr zu den Besten in eurer Klasse, sonst wäret ihr nicht zum Gymnasium gegangen. So verwundert euer eigener Rückblick in der Abi-Zeitung, wenngleich in ironischem Kontext gesprochen, nicht: Von vielen wurde der Wechsel aufs Gymnasium als ein nahtloser Übergang aus der Grundschule empfunden.“  

Dieser Schulwechsel vor knapp neun Jahren: ein entscheidender Einschnitt in eurer Biografie! Vertraute Weggefährten besuchten andere Schularten - viele von denen werden mittlerweile bereits in einem Beruf arbeiten oder andere Ausbildungswege gewählt haben oder leider z.Z. mit leeren Händen dastehen. Neue Mitschüler lerntet ihr kennen, von denen über die Jahre einige abhanden gekommen sind, aus verschiedenen Gründen, wie ihr wisst. In der Sexta viele neue Mitschüler in einem größeren Klassenverband, mit 87 Schülern startete euer Jahrgang 1997 - eine ähnliche Anmeldezahl haben wir übrigens 2006 -, 8 bis 9 neue Lehrer in nunmehr 9 Fächern, neuer Klassenraum in bislang unbekannter Umgebung - wieder die unterste Klasse, die 600 älteren Mitschüler auf dem Pausenhof, z.T. schon Erwachsene aus eurer damaligen Sicht. Die Luft wurde dünner für den einen oder anderen, schließlich bewegtet ihr euch jetzt in weitaus leistungsstärkeren Lerngruppen als in der sehr leistungs- heterogenen Grundschule.

Dann, in Jahrgang 7, die Entscheidung Latein oder Französisch, oft mehr vom Gruppendruck und vagen Vermutungen als von Argumenten geleitet. Mit Geschichte ein weiteres neues Fach, wieder neue Lehrer in allen Fächern. Die Zeit der Mittelstufe: eine Zeit der oft schmerzlichen Ichfindung (Wer bin ich? Was will ich? Was ist der Sinn meines Lebens?); der Balanceakt zwischen den Erwartungen der anderen und dem Wunsch, den eigenen Stil herauszubilden; Selbstinszenierungsversuche: Was ziehe ich an? Wie bewege ich mich? Welche Musik ist angesagt? Das Outfit musste der jeweiligen Findungsphase angepasst werden: wechselnde Haarfarben, Haarschnitte, die Eltern oft provozierende Klamotten, etwa das Breite-Hosen-Tragen oder das bauchfreie T-Shirt mit Nabelpiercing; erste Verliebtheiten, Irritationen,  Auflehnung, deshalb auch  gelegentliche Konflikte, mit der Konsequenz, dass die Ordnungsparagraphen, wie Kästner voraussagte, dem einen oder anderen hie und da die Zügel anlegten. Neue Erfahrungen in Ancerville und beim Gegenbesuch in Kirn.

In Klasse 9 wieder neue Lehrer, die dritte Fremdsprache mit hohen Verlustraten, Sozialkunde und das Betriebspraktikum mit für manchen überraschenden Einsichten, einige zielstrebig in unserem Fördermodell KiMo, andere mit Hoffen und Bangen, ob es denn für die Oberstufe reichen wird.

Dann: Welche Fächer in der MSS wählen? Soll ich wählen nach dem, was mir Spaß macht, oder nach der Wahrscheinlichkeit, gute Noten zu erzielen? Welchen Zeitaufwand muss ich für ein Fach wohl einkalkulieren? Wüsste ich doch, wer das Fach unterrichten wird? Vermutungen kursierten, verfestigten sich zu scheinbaren Tatsachen - ich selber wunderte mich, wusste ich angesichts unserer alljährlichen Personalfluktuation doch selbst noch nicht, welche Lehrkräfte ich nach den Sommerferien in welchen Fächern einsetzen würde.

Dann nach der Auflösung des gerade nach der 10er Fahrt lieb gewonnenen Klassenverbandes Neuorientierung im Kurssystem mit neuen Lehrern und Mitstreitern. Erste Verunsicherungen in Leistungskursen, die vorher Nebenfächer waren, zudem erhöhter Leistungsanspruch in den LK`s der Mittelstufenhauptfächer. Letzte Chance, nach 6 Wochen nochmals umzuwählen, ab 11/2 begann die Punktejagd, die rote Linie des Abi-Schnitts im Blick. Mittlerweile hatte sich nämlich, bei etlichen zumindest, herumgesprochen, dass die Parole Abi - egal wie“ von gestern ist. Der alte Sponti-Spruch: Wissen ist Macht. Ich weiß nichts. Macht nichts.“ hat ausgedient. Fast in allen Studienfächern universitätsinterne NCs. Und auch wer nicht oder nicht gleich studieren möchte, muss die Erfahrung machen, dass ein schlechter Abi-Schnitt fatale Konsequenzen hat. Umso belastender, dass von Lehrerkontinuität in eurem Jahrgang leider nicht die Rede sein konnte.

Doch ihr habt`s - zumindest nach außen hin - erstaunlich gelassen hingenommen, insbesondere dann, wenn so ein Jahr des heimtückischen Zweikampfs mit der bleiernen Schwere der Augenlider“ (Abi-Zeitung) abrupt eine Ende fand. Selbst Kursarbeiten, die in der französischen Metropole in die Hände wissenshungriger Fremdlinge gerieten, brachten euch kaum aus der Fassung, nötigten euch allenfalls einen selbstironischen Hunsrück-Nahe-Kalauer ab: Honn ich 1mo, ich betone 1mo, e buch ganz geles, un dann klaue di blede franzose unsa arwitt.“ (Abi-Zeitung).

Auch das Hin und Her der unseligen Rechtschreibreformen - ein prekäres Beispiel dafür, dass Politik oft Probleme schafft, die wir ohne Politik gar nicht hätten - trug nicht unbedingt zur Verlässlichkeit, Transparenz und Sicherheit in euren Lernprozessen bei!

Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass sich einige von euch während der Oberstufenzeit besonders für die Belange unseres Gymnasiums engagiert haben. Genannt seien beispielhaft Christoph Oepen und Michael Röhrig. Beide waren als Schülersprecher und auch als eure Jahrgangssprecher meine Ansprechpartner. Beide habe ich ob ihres konstruktiven Gestaltungswillens und des großen Zeiteinsatzes, den sie als Mitglieder des Schulausschusses etwa in den vielen Fachkonferenzen erbrachten, schätzen gelernt. In einer lesens- und nachdenkenswerten Erzählung mit dem bezeichnenden Doppeltitel "Ratlos - rastlos“ (2001) berichtet der Abiturient Sebastian Lühn von seinen Oberstufen-Erfahrungen vor dem Hintergrund seines Eingeständnisses, ... auf die Zeit danach, also die Zeit, die morgen anfängt, nicht hingearbeitet (zu haben).“(S. 164). Manche Gedanken eures gehaltvollen Abiturgottesdienstes werdet ihr wiederfinden!

Aus dem Buch einige unkommentierte Zitate: ... vor mir liegt das Abi und dahinter ein großes Fragezeichen.“(S. 108) Es ist zwar ganz praktisch, wenn einem alles zufliegt und man den straighten Weg gehen kann. Aber glaub mir: Schlangenlinien sind spannender.“(S. 109) Freunde sind so wichtig in dieser schwierigen Zeit. Zum Spaß haben und zum Das-Leben-Genießen, aber auch zu(m) Anlehnen, Reden und Sich-besser-fühlen.“(S. 108) Ich habe konkrete Träume und Ziele für mein Leben, aber es scheint so unwirklich, sie zu realisieren, dass ich mich aus Angst vor einer Enttäuschung gar nicht traue, einfach loszulegen. Ich stehe mit dem Abi vor der Tür zum Leben, das weiß ich, aber mir fehlt der richtige Schlüssel für diese Tür ...“. (S. 130) Ich will versuchen, mich nicht so vom Alltag verschlucken zu lassen ... Ich will bei dem bleiben, was mir jetzt wichtig ist. Ich will nicht langweilig werden. ... Es ist mir jetzt und heute so wichtig, Abwechslung zu spüren und Ideen und Träume zu verwirklichen ...“(S. 148) Die Zukunftsangst hat mal kurz wieder hereingeschaut und mich erneut verunsichert.“(156) 

Sätze, die in ihrer Offenheit, Direktheit und Ambivalenz, ich sehe es euren Gesichtern an, euer Empfinden treffen. Da ist die Rede von Träumen und Zielen statt schnöden Alltags, da hat sich aber auch Zukunftsangst eingenistet, die lähmt, wenn man sich nichts zutraut, passiv bleibt, nur abwartet. Die Hoffnung auf den richtigen Lebensschlüssel“ erinnert mich fatal an Kafkas Mann vor dem Gesetz, der sein ganzes Leben damit vertut, zögerlich, ängstlich, grüblerisch nur abzuwarten.Den richtigen Lebensschlüssel wird euch keiner auf dem silbernen Tablett servieren. Da müsst Ihr schon selber zupacken, risikobereit, umsichtig und tatkräftig euch auf das einlassen, wofür Ihr euch entschieden habt. Da sind Schlangenlinien“ durchaus manchmal hilfreich, Freunde, von denen Sebastian Lühn spricht, allemal. Natürlich kann man sich bei der Wahl eines Studiengangs oder einer Ausbildung zunächst einmal vertun, doch das herauszufinden ist des Schweißes des Tüchtigen wert. Wer etwas nur halbherzig macht, sollte es besser lassen. Wer sich aber mit Leidenschaft in das hineinarbeitet, was er gewählt hat, wird bald herausfinden, ob er das Richtige tut oder ob er eine andere Entscheidung treffen muss. Krisen haben ihren Sinn, sie geben einem die Chance, sich weiterzuentwickeln. Werdet dabei bloß nicht anspruchslos euch selbst gegenüber! Die Wahl des Berufs, der eigenen Arbeitsbiographie ist zentraler Bestandteil des eigenen Lebensentwurfs. Die Chancen für gut ausgebildete und gebildete kluge Köpfe sind sehr gut! Mit den Berufszielen Maschinenbau- und Elektroingenieur, Mathematiker, Jurist, Betriebswirt, aber auch Gymnasiallehrer, um nur einige Bereiche anzuführen, die ihr mir anlässlich der Notenbekanntgabe nanntet, habt ihr aussichtsreiche Perspektiven ins Auge gefasst.  Eure Eltern haben bis heute zu euch gestanden und sie werden es auch weiterhin tun, vor allem wenn sie wissen, das ihr euch anstrengt und redlich bemüht.

Wochen- oder gar monatelang waren eure Erwartungen hochgeschraubt und heute Morgen seid ihr vielleicht aufgestanden mit einem dumpfen Gefühl, einem Gefühlscocktail aus nervöser Vorfreude, Spannung und Erwartung“(116): Das letzte Ritual vor dem unwiderruflichen Austritt aus dem Schülerleben steht nun endgültig direkt bevor (S. 163). Die letzten Tage habt ihr vielleicht schon das Schulgebäude und euer Vermüllungsareal, in dem jetzt andere neue Revierverteilungskämpfe führen, als abweisend erlebt, weil ihr euch nicht mehr dazugehörig empfandet; ihr wart verwundert, dass der Unterricht dennoch weitergeht, der Alltag und die Rituale, die endlich zu verlassen, lange eines eurer Ziele gewesen ist - und nun hat sich doch die Melancholie des Abschiednehmens unversehens aufgedrängt, manchem zu schnell, zu emotionslos. Die letzten Schülerwochen vergingen weniger spektakulär, als ihr vielleicht erwartet habt. Auch wenn viele von euch noch keinen Masterplan für das Leben“ haben, der Austritt aus der Schule ist ein erster Schritt. Sebastian Lühn berichtet von einem Gespräch, das sein alter ego mit einem feinsinnigen Lehrer kurz vor dem Abitur hat.

Der Lehrer: (Sei nicht traurig) ... über die Hürden auf deinem Weg. Lass dich nicht abschrecken von ihnen, sondern betrachte sie als Herausforderung, es dir und allen anderen zu beweisen. Rückschläge werden dich härter machen und dich noch stärker wiederkommen lassen! Was du dann nur noch brauchst, ist ein wenig Glück zum großen Ziel. Und das wünsche ich dir...“(S. 115)

Das wünsche ich euch! Ich hoffe, ihr hattet in unserer Schule auch solche feinsinnigen, Mut machenden Lehrer und danke an dieser Stelle allen, die euch mit großem persönlichen Einsatz begleitet haben. Da ihr aber nun, hier und jetzt, nicht alphabetisch oder nach der Größe sortiert“ vor mir sitzt, da ich - nach den schriftlichen und mündlichen Abiturleistungen vieler von euch - nicht den Eindruck gewonnen habe, dass Ihr zu Spalierobst“ eingeweckt worden seid, da ich den Eindruck gewonnen habe, dass ihr, zumindest die meisten, selbstbewusst und gut gerüstet Fahrt aufnehmen werdet - gewiss auch mit Schlangenlinien -, gratuliere ich euch - auch im Namen meiner Kollegen u. Kolleginnen -voller Zuversicht ganz herzlich zum bestandenen Abitur.

Abschließend noch zwei Ratschläge Erich Kästners: Mit seinem ersten Ratschlag knüpfe ich bewusst an meine letztjährige Abiturrede an:

-    Lasst euch die Kindheit nicht austreiben! Schaut, die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr existiert. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr.“

-    Seid nicht zu fleißig. Bei diesem Ratschlag müssen die Faulen weghören. Er gilt nur für die Fleißigen, aber für sie ist er sehr wichtig, Das Leben besteht nicht nur aus Schularbeiten. Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln. ... Man muss nämlich auch springen, turnen, tanzen und singen können ...“ In diesem Sinne wünsche ich euch heute und morgen eine fröhliche, ausgelassene, lebendige Abiturfeier. Genießt den Zauber des Augenblicks - er vergeht schnell genug (s. Lüth S. 155).