Gymnasium Kirn

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Verfolgung

Wir kannten nur einen Juden. Das war unser Viehhändler aus Heddesheim. Er kam zu uns auf den Hof und hat uns Tiere vermittelt oder abgekauft. Das entsprach dem typischen Bild der Juden. Man sagte ihnen nach, dass sie viel handeln und feilschen und ständig versuchen die Leute über den Tisch zu ziehen. Die Juden bekamen unter dem Hitlerregime den Judenstern, den sie immer als Erkennungszeichen tagen mussten. Zudem wurden ihnen keine Lebensmittelkarten ausgeteilt. In der Reichskristallnacht am 9./10. November 1938 setzten SA- und NSDAP-Mitglieder Synagogen in Brand, zerstörten Geschäfte jüdischer Einzelhändler und verwüsteten Wohnungen der Juden. Viele Juden wurden auch in Konzentrationslager deportiert und dort systematisch umgebracht.

 

In Kirn waren die Auswirkungen des Nationalsozialismus auf Ausländer und Juden sicher nicht so Verbreitet wie in anderen Teilen von Deutschland. So wußten unsere Gesprächspartenr nur von drei abtransportierten Juden aus Simmertal. In St.Ingbert im Saarland wurden die Juden eher im Geheimen und vereinzelt abtransportiert. Unsere Befragten kannten eine Familie, welche in ein KZ gebracht wurde und ansonsten nur von Erzählungen.

 

Die geistig Behinderten wurden von der Polizei abgeholt und sterilisiert. Ich war 16 oder 17 Jahre alt . Man versuchte so, die Rasse zu erhalten. Die Leute versteckten sich um nicht abgeholt zu werden. Eine geistig Behinderte war schwanger und versteckte sich wochenlang im Backofen. Sie bekam das Kind, doch es kam tot auf die Welt. Es stellte sich später heraus das der Vater des Kindes ein reicher Junge aus dem Nachbarort war. Er drohte ihr: 'Wenn du mich verrätst schlag ich dich kaputt!' Meine Schwester war ebenfalls geistig behindert und war zweimal in Andernach. Beim ersten Mal wurde sie sterilisiert, aber sofort wieder entlassen. Beim zweiten Mal war sie über ein halbes Jahr zur Behandlung weg. Als mein Vater sie besuchen kam, empfing ihn eine Ärztin. Die 'Patienten' durften nur aus Holztellern und mit Holzbesteck essen. Meine Schwester war nirgends zu sehen. Nach Hunderten von Leuten die in den Saal kamen, kam sie als letzte herein. 'Vater ich will heim!' sagte sie. Der Anblick war schrecklich. Ihre Hände waren vom Arbeiten wund und verbrannt. So wie sie da stand, hat er sie einfach mitgenommen. Das Bettzeug und sonstige Sachen, die wir der Klinik stellen mussten, ließ er da. Sie erzählte uns, dass sie jeden morgen um halb 5 aufstehen mussten. Sie hätten Schweine gehabt und mussten auf den Feldern arbeiten für ihr Geld. Doch wir mussten jeden Monat Geld bezahlen. Die Gemeinde und die Kirche zahlten nichts dazu. Wir mussten Hypothek auf unsere Felder aufnehmen. Nach Jahren bekamen wir plötzlich eine Rechnung: 'Für die verstorbene....!' ich schätze, dass die Klinik meine Schwester nicht mehr gefunden hatte und sie deshalb als verstorben galt.