Gymnasium Kirn

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Alltag

Ab und zu als ich vor die Tür kam, lagen tote Pferde in einer Linie aufgereiht am Straßenrand, aber wir konnten uns nicht erklären warum sie gestorben waren. Mein Vater wurde nicht zum Kriegsdienst eingezogen, da er stark hörgeschädigt war und wurde deswegen in einer Rüstungsfabrik als Arbeitskraft eingesetzt. Einmal ist er nachts heimlich nach Deuselbach gefahren, was einige Tage in Anspruch nahm um Nahrungsmittel zum Beispiel Kartoffeln und Eier für unsere Familie zu holen. Meine Schwiegermutter hat während des Krieges Pantoffeln genäht welche sie dann in Bergen zu verkaufen versuchte. Diesen Weg legte sie damals zu Fuß zurück. Mit diesen Pantoffeln wurde dann ein Tauschhandel betrieben. Man konnte zum Beispiel für Kartoffeln und Eier ein paar Pantoffeln erwerben.

 

Zuerst wollte ich ja gar nicht in den Bund Deutscher Mädel (BDM) eintreten, da ich anderer Meinung wie Hitler war. Aber ich wollte ja auch dazugehören, und da alle hingegangen sind, ging ich auch hin. Oder hätte ich mich sollen in die Ecke setzen und den Rosenkranz beten? Und so hab ich dann meinen schwarzen Rock, die weiße Bluse und mein Tuch angezogen, so ähnlich wie bei den Pfadfindern, und den Arm gehoben. Wenn ich den Arm nicht gepackt habe, habe ich ihn mit dem anderen abgestützt.“

 

„Unser Lehrer bekam damals noch im Dorf Kost und Logis. Als ich dann mal in dem Haus war, in dem er wohnte, sagte ich 'Guten Abend!'. Da ließ er mich am nächsten Tag hundert Mal, der deutsche Gruß ist 'Heil Hitler!', schreiben. Als ich dann das nächste Mal hinging, sagte ich Heil Hitler, aber als ich ging, sagte ich 'Auf Wiedersehen'. Doch am nächsten Tag musste ich dann nichts mehr schreiben.“

 

„Die Katholiken hatten es bei uns in Schmidthachenbach schwer. Sie waren in der Minderheit und fanden das, was die Nazis taten nicht gut. Aber auch die Evangelischen hatten es nicht leicht. Der evangelische Geistliche war nicht wählen gewesen. Da haben sie ihm die Scheiben eingeschmissen und ihn ins KZ gebracht, er kam auch nicht mehr zurück.... Und das in einem Dorf wie Schmidthachenbach.“

 

„Eigentlich durften wir im Krieg nicht so oft schlachten, aber natürlich haben wir es trotzdem getan. Die Tiere musste man dann immer in den Keller bringen, damit keiner etwas mitkriegt. Doch dann haben die immer so laut geschrieen, da hat einem immer das Herz gepocht, 'Hoffentlich bekommt keiner etwas mit!'. Die Türen waren ja damals nicht so wie heute, man konnte einfach reingehen. Wenn wir geschlachtet haben, haben wir immer die Tür abgesperrt, doch damit und auch wenn man die Läden vor dem Küchenfenster schloss, machte man sich gleich verdächtig. So haben wir immer gehofft nicht entdeckt zu werden.“

 

„An Hitlers Geburtstag musste man immer das Haus schmücken. Meine Eltern wollten es nicht machen, aber da ich nicht weggebracht werden wollte, habe ich dann Fähnchen und Bündel aus Tannenzweigen am Haus befestigt. Und dann habe ich gejubelt, obwohl ich nichts von Hitler hielt. Ich war erst 15, aber trotzdem hielt ich nichts von den Nazis."

 

„Eigentlich durften wir ja keine ausländischen Sender im Krieg hören, aber natürlich haben wir trotzdem die verbotenen Sender, einer aus Österreich und einer aus Luxemburg, gehört. Die haben zwar auch nicht immer die Wahrheit gesagt, aber es war spannend. Mein Onkel hörte besonders gern verbotene Sender, mein Vater war schon schlimm, aber er war noch schlimmer. Ich dachte immer, der kommt auch noch ins KZ. Es hieß immer, 'Mach das Radio nicht so laut, wenn jemand neben dem Fenster steht!'. Auch die Fenster musste man immer verdunkeln. Wenn nur mal ein kleiner Lichtstrahl zu sehen war, kam gleich der, der auch mit der Dorfschell umherging und schrie, man solle das Fenster richtig verdunkeln. Als ob die Bomber das gesehen hätten!

 

In der Schule war die Begrüßung 'Heil Hitler'. Man durfte nicht 'Guten Morgen' sagen.”

 

“Einmal wurde ich als Eilbote benutzt. Ich sollte ein Schreiben nach Monzingen auf das Amt bringen. Ich musste dies mit dem Fahrrad erledigen, da ich sonst keine andere Fahrgelegenheit hatte. Auf dem Weg dorthin hörte ich Tiefflieger kommen. Gerade als ich mich hinter einem Baum verstecken wollte, ließen sie Bomben fallen. Durch den Luftdruck bin ich gegen den Baum geknallt, hatte aber zum Glück nur einige blaue Flecken.”

 

Ich wohnte in einem kleinen Dorf mit 200 Einwohnern im Hochwald in der Nähe von Morbach. Beim Ausbruch des Krieges war ich 8 Jahre alt. Als mein Vater kurz nach Ausbruch des Krieges zur Wehrmacht und somit in den Krieg einberufen wurde, war mir als Kind der Ernst der Situation noch nicht bewusst. Dies änderte sich jedoch sehr schnell, weil im täglichen Leben nicht nur mein Vater fehlte sondern auch die Armut sich ständig vergrößerte. Ende des Jahres 1939 kam die Nachricht vom ersten Gefallenen in mein Heimatdorf. Die ganze Gemeinde lag in tiefer Trauer. Erst jetzt wurde mir klar, dass sich auch mein Vater in ständiger Lebensgefahr befand."

 

Mitte des Jahres 1940 rückten die ersten Wehrmachtssoldaten in unsere kleine Gemeinde ein. Die Soldaten wurden in den Familien untergebracht. Auch in unserer Familie lebten seit diesem Zeitpunkt Soldaten. Der Krieg war näher gekommen und allgegenwärtig. Wir Kinder durften zu den Pferden der Soldaten und sie mit Heu füttern. Dies taten die Kinder sehr gerne, zumal sie von den Soldaten dafür z.B. mit Schokolade belohnt wurden.

 

Im Jahre 1942 brach einer der schlimmsten Winter herein, mit Eiseskälte und Schnee. Unser Dorf war von der Außenwelt abgeschnitten, die Wasserleitungen zugefroren. Die Versorgungslage der kleinen Gemeinde war in höchstem Maße gefährdet, zumal auch keine Post mehr in unser Dorf gelangte. Sämtliche Einwohner, welche noch irgendwie dazu in der Lage waren, mussten zum Schnee räumen. Es herrschte Notstand.Für die Gemeinde war es ein „Glücksfall“, dass sich in diesem Winter noch Soldaten in unserer Gemeinde befanden. Mit ihren Pferdeschlitten hatten diese teilweise die Möglichkeit, in den Nachbarorten Nahrungsmittel zu besorgen und diese an die Bevölkerung zu verteilen.

 

Auch bei den sich im Krieg befindlichen Soldaten wurden nach unseren Informationen die Not immer größer. So wurde im Herbst des Jahres 1942 eine Großsammlung von Kleidern, Mäntel, Wollsachen und Decken für die Soldaten in Russland durchgeführt. Die Kinder mussten die gesammelten Dinge mit Handwagen zur Sammelstelle in den Nachbarort bringen. Dies war nicht ungefährlich. Auf diesem Weg wurden wir von feindlichen Flugzeugen angegriffen. Wir suchten Deckung unter Bäumen und in Straßengräben. Zum Glück kamen alle Kinder später doch wieder gesund nach Hause. Die Sammelstelle befand sich beim Gauleiter. Wir klingelten an der Haustür und die Frau des Gauleiters öffnete. Ich sagte: 'Hier haben wir die Sachen für unsere Soldaten!' Darauf rief sie nach ihrem Mann. Dieser kam in brauner Uniform heraus. Ich begrüßte ihn mit 'Guten Tag!' Bevor ich mich versah schlug er mir ins Gesicht und sprach: 'Weißt du nicht, als deutscher Junge, wie dieser Gruß heißt? Der Gruß heißt doch Heil Hitler!

 

Jedes Jahr am 20. April wurde unsere Schule geschmückt. Wir Kinder bekamen Kakao und eine Brezel. Auch mussten wir ein Gedicht lernen. Denn an diesem Tage hatte Adolf Hitler, der Führer, Geburtstag. Das Gedicht ist mir noch heute in Erinnerung:

 

Wir wollen gern den Führer sehn
Ein lustig Lied ihm singen
Wenn überall die Fahnen wehn
Ein Flugzeug wird ihn bringen
Dann stehen wir in langen Reihen
Wie stolz die Hand wir heben
Wir wollen deutsche Kinder sein
Der Führer der soll leben!
Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil!

 

In den darauffolgenden Kriegsjahren wurde die Not in der Bevölkerung immer größer. Die Zahl der Gefallenen nahm immer mehr zu. Einige meiner Alterskameraden waren auf einmal ohne Vater. Meine größte Angst bestand darin, dass ich meinen Vater nicht mehr sehen würde. Ängste bestanden darin, dass Bomben das Haus trafen oder abstürzende Kriegsflugzeuge Schaden anrichten würden. 'Einmal, ' so berichtet einer der Befragten 'wurde vor meinen Augen ein amerikanisches Flugzeug abgeschossen und stürzte in einen Berg im Kellenbachtal. Ich beobachtete, wie einige Freiwillige und mein Vater den Verwundeten aus dem Wrack bargen und ihn in ein Krankenhaus brachten. Er hatte große Angst vor seinen Verfolgern. Einige Tage später ist er verstorben. Ein anderes Mal habe ich beobachtet, wie ein anderes Kriegsflugzeug beschossen wurde, in der Luft brannte und über der Region Kellenbach abstürzte.' Nach einer Erzählung einer anderen Frau wurde, während sie schlief, die Straße, in der sie wohnte, unter Beschuß genommen. Durch den Aufprall der Bomben zersplitterten Fenster und Häuser gingen in Flammen auf. Ihr Zimmer brannte nieder und ein Teil des Hauses. Die Frau konnte sich mit ihrer Familie retten.